In der Feindesliebe sollen die Jünger Gott nachahmen, der seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen läßt. Jesus hat die Menschen nicht in gut und böse eingeteilt. Er hat in den Guten die Gefährdung zum Bösen gesehen und in den Bösen die Sehnsucht nach dem Guten. Er hat beide angenommen und beiden einen Weg zum Leben gewiesen. Zur Feindesliebe sind wir nur fähig, wenn wir zuerst den Feind in uns lieben, wenn wir die Sonne unseres Wohlwollens über das Gute und Böse in uns scheinen lassen, wenn wir mit einem milden Blick auch auf das in uns schauen, was unser Idealbild von uns durchkreuzt.
      Feindesliebe heißt nicht, daß wir uns alles gefallen lassen, was andere uns antun. In erster Linie bedeutet es, daß wir uns nicht in die Feindschaft hineinziehen lassen. Wenn mich jemand als Feind bekämpft, dann darf ich nicht gleich feindlich reagieren. Sonst legt der andere mich auf die Feindschaft fest.
      Die erste Aufgabe ist, daß ich erkenne, warum der andere mich als Feind sieht. Vielleicht projiziert er seine eigenen Probleme auf mich. Weil er sich selbst nicht annehmen kann, bekämpft er an mir die Seiten, die er bei sich selbst ablehnt. Wenn ich das durchschaue, dann wird der andere nicht mein Feind. Ich sehe in ihm den Menschen, der sich nach Heilung und Angenommenwerden sehnt. So kann ich ihm in Freiheit begegnen. Manche meinen, die Feindesliebe sei anstrengend. Aber für mich ist es anstrengender, den Feind zu hassen. Denn dann bestimmt der Feind meine eigene Stimmung und mein Verhalten. Den Feind zu lieben bedeutet für mich Freiheit. Ich sehe den anderen nicht als Feind, sondern als einen Menschen, der sich nach Freundschaft sehnt.
      Das Wort Jesu hat auch eine politische Dimension. Er möchte mit dem Gebot der Feindesliebe den Riß heilen, der durch unsere Gesellschaft und durch die Völker geht. Jesus läßt uns nicht in Ruhe mit unseren Feindbildern.