Das zweite Wort ist genauso provozierend: "Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen." (Matthäus 5,25)
      Im griechischen Urtext heißt es einfach: "solange du noch auf dem Weg bist". Solange ich lebe und in Bewegung bin, muß ich mich mit meinem Gegner versöhnen. Hier ist vor allem der innere Gegner gemeint, all das, was ich in mir selbst bekämpfe, was ich nicht annehmen kann. Solange ich auf dem Weg bin, soll ich mich mit dem inneren Gegner versöhnen. Ich muß versuchen, meine Schattenseiten anzunehmen, die ich am liebsten abschneiden möchte. Wenn ich mich nicht mit meinen Schattenseiten versöhne, dann führen sie mich vor den inneren Richter, vor die Instanz des eigenen Über-Ichs. Der innere Richter wird mich dem Gerichtsdiener übergeben, der mich mit Selbstvorwürfen peinigt, der mich in meinen Lebensmustern festhält. Und er wird mich ins Gefängnis werfen. Ich werde so in mir gefangen sein, daß es irgendwann zu spät sein wird, aus diesem inneren Gefängnis auszubrechen. Solange ich auf dem Weg bin, ist es meine Aufgabe, mich mit mir selbst auszusöhnen. Nur dann werde ich auch fähig sein, mich mit den Gegnern zu versöhnen, die meine Wege kreuzen.
      Das Wort von der Feindesliebe hat seit jeher gleichzeitig größte Zustimmung und Ablehnung erfahren. Die einen sehen darin den Vorzug der Lehre Jesu, die anderen halten sie für eine heillose Überforderung:
      "Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte." (Matthäus 5,43-45)